Das Licht geht aus, und auf der Leinwand erscheint ein Computer-Desktop. Ein paar Klicks, dann ist der Browser bei YouTube angekommen, schnell im Suchfeld LENZ DIE SOLDATEN eingegeben, und schon läuft ein stummes Video, das Soldaten im Zwielicht zeigt, denen ein Geschäftsmann ein paar Scheine reicht, woraufhin sie eine Europaflagge verbrennen. Ein eleganter Einstieg, eine klare Ansage: Es geht ums Geschäft mit dem Krieg, und zwar heute.

Die „Lichtbühne" hat sich Jakob Michael Reinhold Lenz’ 1776 entstandenes Stück DIE SOLDATEN vorgenommen, und Regisseur Maximilian Sachsse hat ihm seinen ganz eigenen Stempel aufgedrückt. Dass er die Handlung ins Hier und Heute verlagert, wird dabei schon in der ersten Szene deutlich: Eine Verlobungsfeier - bei Lenz kommt sie nicht vor - zwischen der Bürgerstochter Marie und dem Geschäftsmann Stolzius, bei der Sektgläser und Reden geschwungen sowie Handyfotos fürs Familienalbum gemacht werden. Und während Marie noch SMS mit ihrem Verlobten austauscht, pirscht sich bereits der Offizier Desportes an sie heran, um sie zu verführen. Sein Plan geht auf - nachdem er sie einmal heimlich auf die Kirmes ausgeführt hat, springt Maries Vater, der Bankier (im Original Händler) Wesener, auf die Chance auf gesellschaftlichen Aufstieg auf und ermuntert sie, eine Verbindung mit dem Adligen Desportes einzugehen. Der nimmt dem Vater viel Geld und der Tochter die Unschuld ab, dann verschwindet er auf Nimmerwiedersehen mit seiner Kompanie - an die EU-Außengrenzen. Und spätestens hier, als Desportes das Publikum anbrüllt und mit Hilfe von blendenden Scheinwerfern wie Rekruten auf die Verteidigung der Außengrenzen gegen die „Sozialschmarotzer“ einschwört, wird ganz deutlich: Diese Verquickung des historischen Stückes mit der brennenden Frage der EU-Außen- und Flüchtlingspolitik geht nicht auf.

Die Ästhetik der Produktion, die im April im i-Camp Premiere hatte und nun bis Sonntag in der Pasinger Fabrik gezeigt wird, ist denkbar einfach. Bühnenbildner Wolf Romberg illustriert die Schauplätze mit Hilfe stilisierter Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die in den Bühnenhintergrund projiziert werden; alle Requisiten wie Gewehre, Handys, Gläser, sind in symbolischen Weiß gehalten und signalisieren eine gewisse Laborhaftigkeit, einen experimentellen Charakter dieser Inszenierung. Im Spiel des Ensembles finden sich nur leichte Anklänge an eine solche Stilisierung, etwa in einer choreographierten Szene, die die Annäherung zwischen Marie und Desportes abbildet. Vielleicht hätte eine noch entschiedenere Reduktion, eine noch deutlichere Wegwendung vom Realismus dem sehr gemischt agierenden Ensemble gut getan. Besonders positiv stachen mir zwei Nebenrollen ins Auge: Stefan Voglhuber als engagierter Militärpfarrer Eisenhardt, der trotzdem bei der Truppe bleibt (weshalb?), und Christina Matschoss als sehr direkte, später sehr traumatisierte Soldatin Mary.

Sachsses Inszenierung fährt schwere Geschütze auf, um politisch zu provozieren: In seiner Welt bewachen deutsche Söldner die EU-Grenze in Melilla, knallen Flüchtlinge ab und spielen Golf zwischen den Leichen. Zu Hause profitieren Bänker, Kriegs- und Rüstungsunternehmer, die ganze Gesellschaft, von diesem Einsatz, der den Wohlstand sichert. Diese in die Zukunft fortgesponnene Vision eines nicht nur eingemauerten, sondern auch kriegerischen Europa ist ebenso wichtig wie erzählenswert, weil das Outsourcing von hoheitlichen Sicherheitsaufgaben des Staates - wie an die Agentur Frontex - tatsächlich in diese Richtung deuten. Der zweite Schritt, den Sachsse geht, nämlich daraus auch eine Remilitarisierung der Zivilgesellschaft zu machen und die Geschichte von Lenz’ Stück damit erzählen zu wollen, trägt lediglich zu Irritation bei. Sicher: Lenz’ zuweilen rührseliges, zuweilen moralinsaures Stück eignet sich hervorragend als Steilvorlage fürs Soldatenbashing - Soldaten sind bei ihm nicht nur pauschal Mörder, sondern vor allem auch Vergewaltiger - nur bleibt die Inszenierung trotz großer authentischer Anstrengungen (z.B. durch die Audio-Einspielung der Aussage eines Flüchtlings aus dem militarisierten Eritrea) den Beleg für oder auch nur einen Hinweis auf eine neue Militarisierung der Zivilgesellschaft schuldig.

Schon die Tatsache, dass zwei der Soldatenrollen durch Frauen gespielt werden, unterminiert die Argumentation, dass es sich hier um eine von systematischer sexueller Gewalt geprägte Männergesellschaft handelt. Nun mag man einwenden, dass die Misshandlungen von Abu Ghreib deutlich erzählen, dass auch Frauen eine Rolle in der Fortschreibung der inhärenten sexualisierten Gewalt von Armeen spielen können, aber auch solche Übergriffe richten sich heute gegen vermeintliche „Gegner“ und nicht mehr regelmäßig gegen die Mitglieder der eigenen Gesellschaft. Die sich gerade emanzipierende bürgerliche Gesellschaft zu Lenz’ Zeit hatte mit einer irrationalen patriarchalischen, durch Adel und Militär geprägten Gewaltherrschaft zu kämpfen, aber davon sind wir 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland weiter entfernt denn je. Unser Problem ist nicht eine Auferstehung des preußischen Militarismus in der Mitte der Gesellschaft, sondern eine Ökonomisierung der hoheitlichen Sicherheitsaufgaben. Und ja: Bei Sachsse ist viel von Geld, Geschäften und „Kreditrahmen“ die Rede, aber szenisch erzählt wird eine völlig andere Geschichte. So bleibt vieles, vielleicht das meiste Behauptung, in dieser Inszenierung, der man bei aller Kritik bescheinigen muss: Es wird scharf geschossen.

Wann: Nächste Aufführungen 22. und 23. Mai 20 Uhr
Wo: Pasinger Fabrik, August-Exter-Straße 1, 8124 München
Tickets: € 11 bis € 16
Reservierung: Bei Münchenticket